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Frei verkäufliches pflanzliches Cannabis: Chance oder Gefahr?

Die Legalisierung von pflanzlichem Cannabis ist ein in Deutschland vieldiskutiertes Thema. Für viele Menschen ist Cannabis eine Einstiegsdroge mit gesundheitsgefährdenden Risiken, vor allem für die Psyche. Andere sehen in der Legalisierung Chancen für eine Entkriminalisierung und die Sicherstellung gewisser Produktstandards. Dr. Martin Heilmann ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im AMEOS Klinikum St. Josef Oberhausen. Im Interview spricht er über Vor- und Nachteile der geplanten gesetzlichen Lockerungen.

Herr Dr. Heilmann, wie gefährlich ist pflanzliches Cannabis tatsächlich?

Pflanzliches Cannabis (es gibt auch chemisch hergestellte Cannabinoide) ist die weltweit am meisten konsumierte Droge. Es gibt kaum Todesfälle, die auf den vorausgegangenen Konsum von Cannabis zurückzuführen sind. Die körperlichen (Langzeit-) Folgeschäden ähneln allerdings denen des Konsums von Nikotinzigaretten. Die psychischen Schäden sollte man ebenso differenziert betrachten. Das Tetrahydrocannabinol (THC) ist hauptverantwortlicher psychisch wirksamer Inhaltsstoff im Cannabis. Die gezüchteten Cannabissorten unterscheiden sich anhand ihres THC-Anteiles von etwa 8 bis 35 Prozent. Je höher der THC-Anteil, die Konsummenge -frequenz und je länger die Konsumdauer, desto wahrscheinlicher stellen sich psychische Symptome ein wie etwa die Abhängigkeit von Cannabis, ein amotivationales Syndrom (maximaler Aktivitätsverlust) oder Psychosen. Dabei sind die psychischen Auswirkungen auf den Konsumenten im Rausch abhängig von der inneren Gestimmtheit und den äußeren Bedingungen während des Konsumes. Ein gelegentlicher Konsum von Cannabis dürfte in den allermeisten Fällen ungefährlich sein.

Löst intensiver Cannabis-Genuss immer Psychosen aus?

Der alleinige Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Auftreten einer andauernden cannabisinduzierten oder schizophrenen Psychose wird eher überschätzt. Ein stetig wiederkehrender Cannabiskonsum ist allerdings ein Risikofaktor an Psychosen, Angststörungen, Depressionen oder auch bipolaren Störungen zu erkranken. Je nach Frequenz des Cannabiskonsums besteht ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Es gibt auch statistische Hinweise darauf, dass in Bezug auf Menge und Wiederholungsrate des Cannabiskonsums sowie dem Auftreten psychotischer oder schizophrener Symptome einen Zusammenhang gibt.

Ist Cannabis der typische Einstieg für „härtere“ Drogen?

Studien belegen diesen Zusammenhang nicht. Man kann nicht sagen, dass auf den Konsum von Cannabis automatisch der Konsum von härteren Drogen folgt. Die Risikofaktoren für eine Abhängigkeit von harten Drogen wie Heroin sind komplex und lassen sich nicht einfach damit erklären, dass die Betroffenen in einer bestimmten Phase zu viel „gekifft“ hätten.

Wie ist der Einsatz von Cannabisprodukten im organmedizinischen Bereich zu bewerten?

Cannabisprodukte haben in der Organmedizin ein vielversprechendes Potential z.B. bei Spastiken, Schmerzbehandlungen und dem Tourette-Syndrom. Cannabis fördert zudem den Appetit und wird deshalb bei Tumorpatienten oder HIV-Patienten eingesetzt.

Gibt es gute Gründe, die für eine Legalisierung von Cannabis sprechen?

Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Eine Legalisierung von pflanzlichem Cannabis kommt insbesondere den Gelegenheitskonsumenten entgegen. Diese werden so nicht mehr kriminalisiert. Das legal verkaufte Cannabis wird sicherlich gewisse Standards bei THC-Gehalt und Zusatzstoffen erfüllen müssen, was neben der Besteuerung auch den Preis bestimmen wird.

Was sind Risiken eines legalen Verkaufs von Cannabis?

Der legale Konsum setzt einen verantwortungsvollen Umgang mit Cannabis voraus, denn genau wie Alkohol hat Cannabis Auswirkungen auf psychomotorische Leistungen wie beispielsweise das Autofahren oder die Arbeit an Maschinen. Und auch der Konsum von legal erworbenem Cannabis kann in die Abhängigkeit führen. Die stationäre medizinische Behandlung dieser Sucht ist seitens der Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenversicherungen schwierig. Die Krankenkassen verlangen aktuell eine ambulante Anbindung der Konsumenten an eine Suchtberatung und den dokumentierten fehlgeschlagenen Versuch einer ambulanten „Entgiftung“ unter ärztlicher Leitung, bevor eine stationäre qualifizierte Entzugssyndrombehandlung in einer Fachklinik möglich ist. Viele Cannabiskonsumenten sind aber nicht in der Lage, im ambulanten Behandlungsrahmen zumindest den Versuch einer Cannabis-„Entgiftung“ zu unternehmen.

Wie erfolgt ein Cannabis-Entzug in einer Fachklinik?

Wenn ein fehlgeschlagener ambulanter Entgiftungsversuch unter ärztlicher Kontrolle nachgewiesen werden kann, ist eine stationäre Entzugssyndrombehandlung in unserer spezialisierten Klinik möglich. Der Aufenthalt dauert in der Regel zwei bis drei Wochen. Ziel der Entzugsbehandlung ist das erfolgreiche Behandeln von Entzugssymptomen unter Absinken der „Cannabiswerte“ in den Urinkontrollen, bestenfalls bis zum fehlenden Nachweis derselben. Wie stark die Entzugssymptome sind, ist unter anderem abhängig von der Konsummenge und -dauer. Je nach Stärke der Entzugserscheinungen werden diese im Rahmen der stationären Therapie medikamentös behandelt.

Da Cannabis eine dominierende psychische Abhängigkeit auslöst, ist es wichtig, Strategien zur Vermeidung von Rückfällen zu erlernen. In Einzel- und Gruppengesprächen werden Suchtauslöser, mögliche Probleme im sozialen Umfeld analysiert und gemeinsam alternative Konfliktlösungsstrategien erarbeitet. Gleichzeitig werden cannabisbezogene Begleiterkrankungen wie Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Cannabis-Psychosen mitbehandelt. Diese können jederzeit klinisch behandelt werden. Zur Nachsorge von cannabisbedingten psychischen Erkrankungen ist ebenfalls eine ambulante Betreuung in unserer Psychiatrischen Institutsambulanz möglich. Eine zusätzliche Anbindung an eine Suchtberatungsstelle und Suchthilfegruppe ist zudem empfehlenswert.

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