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Corona: Welche Maßnahmen jetzt wirklich helfen

Berlin. 
Impfpflicht, Lockdown, Testen für Geimpfte: Welche Maßnahme hat welchen Effekt auf die Pandemie? Wozu Wissenschaftler jetzt raten.

„Ganz Deutschland ist ein einziger großer Ausbruch.“ So beschreibt der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Freitag die verschärfte aktuelle Corona-Lage. Die hohen täglichen Ansteckungszahlen dürfe man nicht länger hinnehmen. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont: „Es ist zehn nach zwölf.“ Deutschland befinde sich in einer nationalen Notlage, die eine gemeinsame nationale Kraftanstrengung brauche. „Allein mit Impfen, mit Boostern werden wir das Brechen der Welle, das wir kurzfristig brauchen, nicht mehr erreichen.“

Wie aber dann? Sowohl Bundestag und Bundesrat als auch die Regierungschefs von Bund und Ländern haben nun eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, um dem erneuten Anstieg der Corona-Zahlen beizukommen. Impfungen, Zugangsbeschränkungen für Ungeimpfte, Tests und auch Kontaktbeschränkungen zählen dazu. Doch wie wirksam sind die einzelnen Maßnahmen aus wissenschaftlicher Sicht? Ein Überblick.

Corona: Das bringt 3G

Die Zugangsregel nur für Geimpfte, Genesene und Getestete (3G) am Arbeitsplatz, welche die kommende Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP im neuen Infektionsschutzgesetz auf den Weg gebracht hat, hat das Potenzial, die Ausbreitungsdynamik des Virus leicht zu verlangsamen. Um 0,1 könnte damit in Länder mit hoher Impfquote innerhalb von 10 Tagen der R-Wert gesenkt werden.


Das geht aus einer Modellrechnung für die Stadt Köln (Impfquote 70 Prozent) hervor, die der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin (TU) am Dienstag bei einem Fachgespräch im Gesundheitsministerium vorgestellt hatte. Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele andere Menschen eine infizierte Person im Schnitt infiziert. Sinkt der Wert unter 1, flacht die Dynamik der Pandemie ab. Weitet man das Prinzip „geimpft, genesen oder getestet“ auch auf den Freizeitbereich aus, sinkt der Wert demnach um weitere 0,2 Punkte.


Durch Schnelltests könnten die Hälfte bis drei Viertel der infizierten Personen entdeckt werden, schreiben die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen und weitere Forscherinnen und Forscher in einem Papier zu „Nachhaltigen Strategien gegen die Covid-19-Pandemie“ aus der vergangenen Woche. Würden die Tests gut durchgeführt, gebe es „keinen großen Unterschied“ zu 2G-Veranstaltungen.

Corona: Das bringt 2G

Liegt die Hospitalisierung-Inzidenz im 7-Tage-Schnitt über 3 – wie es derzeit in der Mehrzahl der Bundesländer der Fall ist – gilt nach dem Beschluss der MPK im Freizeitbereich, in der Gastronomie und Kultur flächendeckend die 2G-Regel, nach der nur Geimpfte und Genesene Veranstaltungen besuchen und ausgewählte Dienstleistungen in Anspruch nehmen können.

Der Vorteil dieser Regelung: Die Wahrscheinlichkeit, auf diesen Veranstaltungen angesteckt zu werden, ist niedriger als unter der 3G-Regel. Grund ist, dass geimpfte und genesene Personen ein geringeres Ansteckungsrisiko haben als Ungeimpfte und auch weniger infektiös sind, wenn sie sich angesteckt haben. Trotzdem können Infektionen stattfinden, die dann weitergetragen werden und auch Ungeimpfte erreichen.

RKI-Präsident Lothar Wieler warnte deshalb am Freitag, dass 2G in der aktuellen Situation nicht mehr ausreichend sei. Zusätzlich brauche es eine „massive Kontaktreduktion, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen“, sagte er. Wieler rief dazu auf, wenn möglich zu Hause zu bleiben, Großveranstaltungen abzusagen, die Personenzahl bei kleineren Veranstaltungen zu reduzieren und „Hotspots, wie schlecht belüftete Bars und Clubs“ zu schließen.

Corona: Das bringt 2G plus

Überschreitet ein Bundesland die Schwelle von sechs Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, können die Regeln noch schärfer werden: Dann gilt 2G plus, was bedeutet, dass auch Geimpfte und Genesene etwa in Diskos, Clubs und Bars einen negativen Test vorlegen müssen, um Zutritt zu erhalten. Weil dadurch vermehrt auch möglicherweise symptomlose Infektionen bei geimpften Personen entdeckt werden, dürfte die Zahl der festgestellten Infektionen unter dieser Maßgabe erst einmal weiter nach oben gehen.

Trotzdem gilt 2G plus, angewandt auf alle öffentlichen Freizeitaktivitäten, als sehr effektive Maßnahme in der Bekämpfung der Pandemie: Innerhalb von 10 Tagen, so die Modellrechnung von Nagel für Köln, kann der R-Wert damit um 0,6 Punkte gesenkt werden. „Teststrategien, bei denen die Geimpften eingeschlossen werden, sind viel wirksamer als Teststrategien, bei denen sie nicht dabei sind“, sagt Sebastian Müller,

Mitglied der Arbeitsgruppe um Nagel. Die Kombination aus 2G plus in der Freizeit und 3G am Arbeitsplatz „wirkt praktisch sofort, und damit lässt sich die Zeit überbrücken, bis mehr Menschen geimpft und geboostert sind.“ Konzentriere man sich nur auf die Ungeimpften, brauche es für diese Gruppe einen kompletten Lockdown, einschließlich sehr starker Einschränkung im privaten Bereich.

So wirksam ist die Corona-Impfung

Der verlässlichste Weg aus der Pandemie bleibt mittel- und langfristig die Impfung. Das gilt sowohl für Erstimpfungen für diejenigen, die bisher noch nicht immunisiert wurden, als auch für Booster-Impfungen für diejenigen, deren Impfschutz schon wieder nachlässt. Impfungen schützen nicht nur die betreffende Person mit großer Wahrscheinlichkeit vor einer Infektion und einem schweren Verlauf. Sie verringern auch die Gefahr, dass eine Ansteckung weitergetragen wird an andere, möglicherweise ungeimpfte Menschen.

Erstimpfungen und Booster sorgen deshalb für geringere Fallzahlen insgesamt und verringern den Druck auf das Gesundheitssystem. Schnelles und umfassendes Impfen und Boostern sei deshalb „die wirksamste Methode um die aktuelle Welle bald zu brechen“, heißt es dazu im Strategie-Papier von Priesemann und anderen.

Doch an der Geschwindigkeit hakt es derzeit: Im 7-Tage-Schnitt werden aktuell 316.000 Dosen am Tag verimpft, ob als Booster oder Teil der Erstimmunisierung. Das entspricht etwa 0,4 Prozent der Bevölkerung. Nötig wäre aber der Impfturbo aus dem Sommer, als an manchen Tagen ein Prozent der Bevölkerung geimpft wurde, also mehr als 800.000 Menschen. „Würde es gelingen, rund 7 Prozent der Bürger*innen pro Woche zu boostern, wären vor Weihnachten 50 Prozent der Menschen wesentlich besser geschützt“, heißt es im Papier der Forscherinnen und Forscher. Der Fokus müsse deshalb jetzt auf den Kapazitäten für Booster-Impfungen liegen, sagt Müller.

Das bringt eine Impfpflicht

Österreich greift derzeit zu dieser besonders harten Maßnahme. In Deutschland wollen die Bundesländer eine solche verpflichtende Impfung bisher nur für Beschäftigte in der Pflege und in Kliniken einführen. Auch die Ampel-Parteien debattieren eine Impfpflicht für diese Gruppen.

Thorsten Lehr, Corona-Modellierer von der Universität des Saarlandes, plädiert sogar für eine allgemeine Impfpflicht. „Ich gehe davon aus, dass wir eine allgemeine Impfpflicht brauchen und bekommen werden“, sagte er unserer Redaktion. „Niemand will im nächsten Herbst wieder an dieser Stelle stehen.“

So wirksam sind Kontaktbeschränkungen

Sowohl Baden-Württemberg als auch Bayern haben erneut Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte eingeführt. Im Südwesten sind Treffen nur noch für einen Haushalt und eine weitere Person erlaubt, Genesene und Geimpfte sind ausgenommen. In Bayern dürfen sich ab dem kommenden Mittwoch noch maximal fünf Ungeimpfte treffen, aus zwei Haushalten.

Dirk Brockmann, Physiker an der Humboldt-Universität, sagte dem „Spiegel“, sobald Kontakte deutlich verringert würden, gingen mit leichter zeitlicher Verzögerung auch die Zahlen schnell zurück. Aus Modellrechnungen wisse man, dass die Inzidenz sinke, wenn die Hälfte der Ansteckungen verhindert würde, die von Ungeimpften ausgelöst werden. Es sei deshalb „schlüssig“, dass vor allem ungeimpfte Menschen ihre Kontakte reduzieren, zitiert ihn der „Spiegel“.

So wirksam ist ein Lockdown

Österreich hat landesweit eine solche Maßnahme verhängt. Auch Bayern will in Landkreisen mit sehr vielen Neuansteckungen das öffentliche Leben weitgehend zurückfahren, auch wenn Handel, Schulen und Kitas offen bleiben. Sinnvoll wäre eine solche Maßnahme in ganz Deutschland, sagt Lehr. „Was wir brauchen, ist eine massive Reduktion von Kontakten, um mindestens 30 Prozent, eher um 50 Prozent“, sagt er. Nötig sei deshalb ein kurzer, kollektiver Lockdown für Geimpfte und Ungeimpfte gleichermaßen.

„Es ist wesentlich sinnvoller, jetzt mit einer kurzen, harten Maßnahme die Zahlen zum Sinken zu bringen, als mittelharte Maßnahmen lange zu ziehen, wie im vergangenen Jahr“, so Lehr. „Wenn wir Maßnahmen treffen, bei denen alle Kontakte um 50 Prozent reduziert werden und die in einer Woche starten, dann können wir in der zweiten Dezemberwoche schon in moderate Inzidenzbereiche kommen.“ Die politischen Widerstände gegen solche Maßnahmen seien derzeit aber groß.


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