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Corona-Spaziergänge: Ihr könnt nach Hause gehn!

Essen. 
Nach dem Corona-Gipfel finden am Montag wieder sogenannte Spaziergänge statt. Mit dabei: Radikale. Doch die Protestler sollten sich warm anziehen.

Früher hätte ich gesagt, die radikalere Form des Spazierengehens ist das Lustwandeln. Was für ein schönes, altmodisches Wörtchen das ist: lustwandeln. Es bringt auf den Punkt, was mit „Spazierengehen“ eigentlich auch schon gemeint ist: dass man zu Fuß unterwegs ist, nicht um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern weil das Gehen an sich Freude bereitet. Man geht zur Erholung, zum Zeitvertreib, friedlich-fröhlich, ohne Hast. Bei Meister Goethe klingt es so:

Ich ging im Walde
so für mich hin
und nichts zu suchen
das war mein Sinn.

Was nur ist aus diesem wunderbaren Spazierengehen geworden?

Die sogenannten Spaziergänge der sogenannten Querdenker

Wer montags an einem sogenannten Spaziergang der sogenannten Querdenker teilnimmt, der ist weder friedlich noch fröhlich, der hat in aller Regel nichts Gutes im Sinn. Die Radikalisierung der „Spaziergänger“, so die Zwischenbilanz von NRW-Innenminister Herbert Reul, steigt. Die Gewaltbereitschaft nimmt zu. Am Montag, nach den nun erfolgten weiteren Beschlüssen des Corona-Gipfels, wird das wieder zu beobachten sein.


Überall mischen Rechtsradikale mit, die ihre Chance gekommen sehen, die von ihnen verhasste freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schwächen. Die radikalere Form dieses Spazierengehens, so ist zu befürchten, ist das Gegenteil von Lustwandeln: Terror. Der Terror einer lauten Minderheit gegen eine – inzwischen zum Glück auch lauter werdende – Mehrheit. Anders als in den USA geht der Riss nicht durch die Mitte der Gesellschaft. Aber die Spaltung ist nicht mehr wegzudiskutieren.


Warum nennen die Protestler ihre Demonstrationen „Spaziergänge“? Es hat mehrere Gründe. Der wichtigste Grund ist ein juristischer. Einen Spaziergang muss man nicht anmelden. Es bedarf auch keines Versammlungsleiters. Solche „Spaziergänge“ lassen sich schnell und einfach organisieren, etwa über die berüchtigten Telegram-Chats. Statt große Demonstrationen mit viel Aufwand zu organisieren, setzen die Initiatoren auf viele kleine dezentrale Nadelstiche, auf die sich die Behörden nicht gut vorbereiten können. Es ist eine Art Guerillataktik.

Der Untergang des Spaziergangs

Und natürlich geht es auch um PR. Angsteinflößende Protestmärsche, an denen Radikale, Esoteriker und Spinner aller Art teilnehmen, sollen einen bürgerlichen Anstrich bekommen. Das „Spaziergänge“ zu nennen, ist eine Verharmlosung und Verschleierung. Wer darauf hereinfällt, fällt darauf herein. Wer darauf nicht hereinfällt, der soll zumindest den ganzen verachtenden Zynismus spüren, der in der Ironisierung steckt. Der Untergang des bürgerlichen Spaziergangs, initiiert durch ein selbst ernanntes Fußvolk, soll den Niedergang des Systems symbolisieren.

Wie ein nennenswerter Teil dieser Demonstranten drauf ist, bekommen Politiker, Wissenschaftler und Journalisten immer wieder zu spüren. Ein Reporter unserer Essener Lokalredaktion musste sich als Vertreter der „Lügenpresse“ beschimpfen lassen, als er die Teilnehmer des dortigen „Spaziergangs“ nach ihrer Motivation fragen wollte. „Diktatur!“, kreischten einige – und wunderten sich so gar nicht darüber, dass keine vermummten Verfassungsschützer in schwarzen Fahrzeugen vorfuhren, die Widerständler festnahmen und für immer verschwinden ließen, wie das in Diktaturen so üblich ist.

Mitarbeiterin eines Bottroper Impfzentrums angegangen

In Bottrop bekam eine junge Frau den Hass der Impfgegner zu spüren, als sie auf dem Weg von der Arbeit nach Hause war und in einen solchen „Spaziergang“ geriet. Ihr Pech: Sie arbeitet in einem Impfzentrum und trug eine Dienstjacke, auf der genau das steht: „Impfzentrum“. Nun musste sie sich als, so wörtlich, „Impfsklavin“ beschimpfen lassen. „Verpiss dich, du Impf-Rassistin“, soll einer der Demonstranten gerufen haben. Eine kleinere Gruppe sei auf sie zugekommen und habe vor ihr auf den Boden gespuckt, hieß es.

Haben die eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Was haben solche Leute eigentlich in der Birne?

Sie finden, das sei zu hart? Ich finde, wir sollten unsere Geduld nicht länger missbrauchen lassen. Und ich bin nun wirklich, schon von Berufs wegen, ein Freund des Dialogs. Aber damit ein Dialog, damit ein Meinungsstreit überhaupt Sinn ergeben kann, muss man sich auf die Realität verständigen, in der man sich bewegt. Jene, die nach einer milliardenfach bewährten Impfung weiter von „Todesspritzen“ fabulieren, die Impfärzte als „Mörder“ bezeichnen, leben in einer anderen Realität. Sie erkennen Fakten als Fakten nicht an, vermuten überall Bösartigkeit und Verschwörung, und entziehen dadurch jedem vernünftigen Dialog die Grundlage.

Der Sturm auf das Kapitol ist keine US-Spezialität

Ein Jahr nach dem Sturm auf das Kapitol sind Ansätze dessen, was wir derzeit in den USA erleben müssen, auch bei uns zu beobachten. Da bilden sich Wahrnehmungs-Blasen mit einer dicken Haut, in denen sich ein kleiner, aber nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung eingerichtet hat. Diese Menschen glauben nur das, was sie glauben wollen; ihre Wahrnehmung ist eine selektive; ihre Medienkompetenz, also ihre Fähigkeit, vertrauenswürdige von weniger vertrauenswürdigen Quellen zu unterscheiden, ist unterausgeprägt. Sie folgen „alternativen Wahrheiten“, um sich der Realität nicht stellen zu müssen. In den USA ist der Anteil solcher Leute an der Gesamtbevölkerung so hoch, dass die Demokratie dort weiter in ernster Gefahr ist.

Besonders bedauerlich ist, dass ausgerechnet diese Irregeleiteten die vernünftige Mehrheit für irregeleitet halten. Sie nennen sich „mutig“, weil sie der Regierung, der Forschung, den Medien widersprechen. Tatsächlich sind sie angstgetrieben. Ihre Angst vor Corona ist so übermächtig, dass sie sich dieser nicht stellen können oder wollen und darum die Gefahr negieren. Es ist eine kollektive Psychose.

Grenzgänger bestärken, sich mutig zu korrigieren

Daraus folgt freilich auch: Grenzgängern, die an Anti-Corona-Demonstrationen teilnehmen, aber dann auch selbst „Nazis raus!“ rufen wie etwa am Montag in Mülheim – solchen (noch) nicht radikalisierten Grenzgängern müssen wir weiter die Hand reichen. Und wenn diese sich dann umstimmen lassen und sich quasi auf den letzten Drücker doch noch für eine Impfung entscheiden, dann sollte man ihnen nur dieses zollen: Respekt. Respekt für den Mut, über den eigenen Schatten zu springen. Respekt dafür, zuzugeben: Ich habe mich geirrt; ich korrigiere mich. Denn das ist es ja, was auch die vernünftige Mehrheit im Land seit Beginn der Pandemie angesichts einen unbekannten, sehr wandlungsfähigen und hinterhältigen Gegners immer wieder tut: sich irren und dann korrigieren. Willkommen im Club!

Und die anderen „Spaziergänger“? Siehe oben. Kein Dialog mehr, kein Verständnis mehr. Die sogenannten Spaziergänge sind unangemeldete Versammlungen, als solche illegal und mit Bußgeldern für jeden einzelnen Teilnehmenden zu belegen. „Sie wollen nicht spazieren gehen. Sie wollen uns verarschen.“ So hielt es ein Polizeibeamter einem Demo-Teilnehmer am Montag in Münster vor (das Wortgefecht ist inzwischen zu einem Internet-Hit geworden).

Widerstand gegen den Widerstand

Lassen wir uns bitte nicht länger – ich muss das Wort nicht wiederholen. Leisten wir freundlich, aber bestimmt Widerstand gegen den Widerstand der Unvernünftigen. Das heißt nicht, Eimer mit Wasser auf die Demonstranten zu schütten, wie in Essen geschehen, oder gar mit Eiern nach ihnen zu werfen, wie in Gladbeck. Vorbildlich ist etwa das überparteiliche „Bündnis für Herne“, das an diesem Samstag an verschiedenen Orten in der Stadt Aktionen für ein solidarisches Miteinander starten will. Entschieden, friedlich, klar. Auch das Bündnis „Buntes Hattingen gegen Rechts“ plant eine Gegenveranstaltung zu den „Spaziergängen“. Zwei von vielen Beispielen aus unserem Ruhrgebiet.

Wie heißt es in Goethes Faust so schön bedrohlich?

Es war die Art zu allen Zeiten
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten

Überlassen wir Mephisto nicht die Welt. Das Gute und Wahre – es wird lauter und siegt.

Auf bald.


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